Zu Bolzanos Wahrscheinlichkeitslehre

Philosophia Naturalis 24 (4):423–441 (1987)
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Abstract
Bolzano hat seine Wahrscheinlichkeitslehre in 15 Punkten im § 14 des zweiten Teils seiner Religionswissenschaft sowie in 20 Punkten im § 161 des zweiten Bandes seiner Wissenschaftslehre niedergelegt. (Ich verweise auf die Religionswissenschaft mit 'RW II', auf die Wissenschaftslehre mit 'WL II'.) In der RW II (vgl. p. 37) ist seine Wahrscheinlichkeitslehre eingebettet in seine Ausführungen "Über die Natur der historischen Erkenntniß, besonders in Hinsicht auf Wunder", und die Lehrsätze, die er dort zusammenstellt, dienen dem ausdrücklichen Zweck, mit mathematischem Rüstzeug Lehrmeinungen entgegentreten zu können, gemäß denen Wundererzählungen keine Glaubwürdigkeit zukommen könne. In der WL II (vgl. p. 171) führt Bolzano im großen und ganzen dieselben Lehrsätze an wie in der RW II, entwickelt nun aber die Wahrscheinlichkeitslehre innerhalb seiner Lehre von den Sätzen an sich. Dabei orientiert er sich zwar durchaus an den Lehrsätzen in den damaligen "Schriften über die Wahrscheinlichkeitsrechnung" (vg. WL II, p. 190), korrigiert aber dort, wo es ihm nötig erscheint (vgl. WL II, pp. 187–191), und leistet so im Grunde eine Reformulierung des elementaren Teils der Wahrscheinlichkeitslehre seiner Zeit innerhalb seiner logischen Theorie von den Sätzen an sich. — Ich bezwecke hier keine historische Studie über Bolzanos Wahrscheinlichkeitslehre, obwohl es von Interesse sein mag, herauszuschälen, worin Bolzano mit welchen Wahrscheinlichkeitstheoretikern seiner Zeit übereinstimmt, und worin nicht, insbesondere welche Schwächen von Bolzanos Wahrscheinlichkeitslehre Schwächen aller damaligen Wahrscheinlichkeitslehren waren. Eine wichtige systematische Studie über Bolzanos Wahrscheinlichkeitslehre bestünde — wie von Berg (1962, pp. 148-149) ansatzweise begonnen — in einer exakten Rekonstruktion seiner Wahrscheinlichkeitslehre innerhalb eines konsistenten logischen Systems der Sätze an sich. Ich werde im folgenden etwas bei weitem Bescheideneres, doch möglicherweise durchaus Fruchtbares versuchen, nämlich die Lehrsätze von Bolzanos Wahrscheinlichkeitslehre in die Sprache einer heutigen Wahrscheinlichkeitstheorie zu übersetzen und die übersetzten Lehrsätze dort herzuleiten, soweit dies möglich ist. Man könnte dann in einem zweiten Schritt, der hier nicht mehr unternommen wird, untersuchen, inwieweit jene Thesen, die den Herleitungstest überstanden haben, jenen Zweck erfüllen, den Bolzano ihnen ursprünglich zugedacht hat: als mathematisches Rüstzeug für seine Argumentationen gegen die Auffassung zu dienen, Wundererzählungen könnten nicht glaubwürdig sein.
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