„Democracy as Data“? – Über Cambridge Analytica und die „moralische Phantasie“

Merkur 602 (Blog):online (2017)
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Abstract

In einem diskursiv ausgeruhten Beitrag zu einem kurzzeitig viral hocherhitzten Artikel zur ‚Big-Data-Bombe’ beobachtet Jan Lietz vor einigen Wochen eine problematische Diskursverknappung: Blinde Annahme auf der einen und unausgewogene Kritik auf der anderen Seite hätten zum Ausbleiben eines produktiven Dissenses geführt. Mit dieser Diagnose hat Lietz sicherlich recht. Doch scheint sich in den Reaktionen auf den Artikel und ihrer Dynamik nicht allein eine ‚Verknappung’ des Diskurses abzuzeichnen; mehr noch handelt es sich um dessen ‚systematische’ Einebnung. Es wurde vor allem deutlich, dass im Milieu einer fragwürdigen Techno-logie die Möglichkeit zur Kritik selbst prekär wird. (…) An dieser Stelle ließe sich schlussfolgern, dass es neben einer demokratischen Debatte um die Urheberschaft und Verfügungsmacht über unsere Daten (bzgl. WählerInnen-Targetings) einerseits und die Zukunft der EU-Datenschutzgrundverordnung andererseits, heute auch einer Auseinandersetzung mit der ‚kritischen’ Frage bedarf, wie „die Digitalisierung den Charakter des Politischen überhaupt affiziert.“ Vor diesem Horizont wäre es schließlich essentiell, Netzwerke nicht mit einem per se politisch tragfähigen Gesellschaftskonzept zu verwechseln, sondern vielmehr über das Verhältnis zwischen Technik und Politik – jenseits der Pole blinder Technophilie auf der einen und unproduktivem Ressentiment auf der anderen Seite – zu diskutieren. Das hieße dann aber auch, über ‚revolutionäre’ Entwicklungen und Verschiebungen zu beraten, die Günther Anders schon Anfang der 1980er Jahre diagnostizierte; dass, sofern die Technik nämlich erst einmal in die politischen Strukturen Einzug gehalten hat, „von Tag zu Tag weniger“ gelte, „daß sie sich innerhalb des politischen Rahmens entwickelt. Vielmehr tritt dann eine wirkliche Umwälzung ein, das heißt: dann nimmt die Bedeutung der Technik so überhand, daß sich das politische Geschehen schließlich in deren Rahmen abspielt.“

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Anna-Verena Nosthoff
Goethe University Frankfurt

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2020-12-16

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