Nihilismus der Transparenz. Grenzen der Medienphilosophie Jean Baudrillards

In Jan-Hendrik Möller (ed.), Paradoxalität des Medialen. Fink Verlag. pp. 237-254 (2013)
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Abstract
Jean Baudrillards Kulturphilosophie läßt sich durch die Behauptung charakterisieren, daß die Medien in der modernen Kultur vorherrschend geworden sind. Seine These, die Medien hätten jeden Bezug zu einer von ihnen unabhängigen Realität verloren, haben zahlreiche Autorinnen und Autoren nihilistisch genannt. Das Zutreffende dieser Kennzeichnung verdankt sich im Wesentlichen einem eingeschränkten, auf das 19. Jahrhundert zurückweisenden Begriff des Nihilismus. Allerdings nimmt Baudrillard auf Phänomene Bezug, die er historisch später verortet und die sich ihrer Struktur nach kategorial von den Funktionen der Medien im 19. Jahrhundert unterscheiden. Es gelingt ihm hierbei nicht, den allgemeinen Realitätsverlust, den er vor allem auf den wachsenden Einfluß von Wissenschaft und Technik im 20. Jahrhundert zurückführt, überzeugend nachzuweisen. Als wolle er diesen Mangel beheben, führt Baudrillard in späteren Schriften weitere Struktureigenschaften der kulturellen Mediendominanz ein. Zu diesen Fortentwicklungen gehört die durch Medienmacht erzeugte „Transparenz“, die nicht zuletzt die restlose Durchsichtigkeit aller Zustände und Prozesse meint. Es ist dieses Merkmal, das Baudrillard 1981 selbst mit einem Nihilismusbegriff in Verbindung bringt. Der Nihilismus der Transparenz beansprucht, das spezifisch Neue der Sinnlosigkeit in zunehmend wissenschafts- und technikbestimmten Gesellschaften zu erfassen. Obwohl sich die Schwächen der Medientheorie in seiner Auffassung des Nihilismus reflektieren, gelingt es ihm, Phänomene der Nichtigkeit zu beschreiben, für die man gute Gründe hat anzunehmen, daß sie sich durch keinen Werte- oder Einstellungswandel mehr aufheben lassen. Um diese Einsicht zu begründen, muß man Baudrillards Medientheorie allerdings gleichsam vom Kopf auf die Füße stellen. Nicht auf einen evidenten, alles umfassenden Realitätsverlust, sondern umgekehrt auf einen Teil der vermutlichen Realitätsgehalte der Medien läßt sich die drohende Ausdehnung der Transparenz zurückführen.
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